Harmonik und Kunst

Unter Kunst wird hier die darstellende (oder auch bildende) Kunst verstanden, also

 

Malerei und jede Art von Graphik;
Bildhauerei, also die Erstellung dreidimensionaler Kunstwerke aus festem Material, insbesondere von Skulpturen und Plastiken;
Baukunst, künstlerisch gestaltete Architektur.


Dem Thema Harmonik und Musik ist aus naheliegenden Gründen eine eigene Seite gewidmet.
Das Thema Harmonik und Literatur wird später aufgegriffen werden.


Beim Thema „Harmonik und Kunst“ geht es zunächst um die Erkennung und Beschreibung von Proportionen, also Maß- und Zahlen-Verhältnisse und deren harmonikaler Interpretation.


Darüber hinaus ist aber auch das Erkennen und Verstehen harmonikaler Aussagen gemeint, die nicht unmittelbar aus Maß- oder Zahlenverhältnissen abgeleitet werden können, die aber dennoch für den harmonikal empfindenden Betrachter solcher Kunstwerke in ihm einen Widerhall der harmonikalen Weltordnung auslösen.

 

Ein Beispiel dafür sind Bilder der Malerin Angelika Kandler Seegy, etwa die Bilder
„Schwingung im Licht“ oder „Schwingung im Mondlicht“.



Proportionen in der darstellenden Kunst

Das Wissen um die Bedeutung von Proportionen in der darstellenden Kunst ist wohl so alt wie das bewusste Gestalten von Kunstwerken.


Aus der Frühgeschichte der abendländischen Kultur ist zum Beispiel die Darstellung von Proportionen am menschlichen Körper in der Vorzeichnung für ein altägyptisches Wandbild aus dem 3. Jt. vor Chr. bekannt (siehe dazu im Internet: "Proportionslehre"). 

Als das bedeutendste Werk über Proportionen in der Kunst in der griechischen Antike gilt der „Kanon“ von Polyklet im 5. Jh. v. Chr., der allerdings verschollen und nur durch Überlieferungen aus zweiter und dritter Hand bekannt ist. So ist bei Galen* (2. Jh. n. Chr.) zu lesen:


"Chrasippos ist der Meinung, daß körperliche Schönheit auf der Proportioniertheit der Glieder beruht, also eines Fingers zum anderen und aller Finger zur Mittelhand und Handwurzel und dieser Teile zum Unterarm und des Unterarms zum Arm und so fort jeden Teils zu allen, gerade so, wie das in Polyklets "Regel" geschrieben steht."

 

   * Galenos von Pergamon (lat. Clarissimus Galenus), geboren um 129 n. Chr. in Pergamon; gestorben um 216 n. Chr.
      in Rom) war griechischer Arzt und Anatom.


Die größte Verbreitung in der Neuzeit erfuhr die antike Proportionslehre des Architekten Vitruv* aus dem 1. Jh. v. Chr. Seine „Zehn Bücher über Architektur“ sind das einzige vollständig erhaltene antike Werk über Architektur. Vitruv rechnet verschiedenste Wissensgebiete, darunter Arithmetik, Geometrie, Geschichte und Philosophie zu den Fachbereichen, in denen ein Architekt bewandert sein sollte und erklärt u.a. Lehrsätze von Platon und Pythagoras.
Eine zentrale Passage in Vitruvs Abhandlung ist die Theorie des wohlgeformten Menschen (homo bene figuratus). Die Proportionen des Menschen werden anhand geometrischer Formen beschrieben.

  * Marcus Vitruvius Pollio (Vitruv oder Vitruvius) war ein römischer Architekt, Ingenieur und Schriftsteller des
     1. Jh. v.  Chr., geb. um 70–60 v. Chr., gest. um 10 v. Chr.

 

Künstler in der Zeit der Renaissance, wie Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci, griffen diese Ideen auf.
So erlangte die Skizze "Homo ad Circulum" von Leonardo da Vinci unter dem Namen „Der vitruvianische Mensch“ Weltberühmtheit.



                               "Homo ad Circulum"

 

Von Albrecht Dürer existieren die posthum 1528 bei Hieronymus Andreae, Nürnberg veröffentlichten „Vier Bücher von menschlicher Proportion“. In den folgenden drei Bildern ist das Deckblatt und zwei anatomische Studien daraus dargestellt .



 

Harmonikal interpretierbare Bau-Proportionen gibt es in unserem Kulturraum ebenfalls seit den Zeiten, in denen die altägyptischen Pyramiden errichtet wurden.

 

Die älteste Dokument mit einer geometrischen Deutung des Proportionsprinzip der Cheopspyramide stammt von dem alt-griechischen Geschichtsschreiber Herodot (480/490 - 425 v. Chr.). Er schreibt, dass er von ägyptischen Priestern erfahren habe, dass in der Cheopspyramide gelte: "Das Quadrat über der Höhe der Pyramide ist gleich der Fläche ihrer Seiten". Es wird an anderer Stelle gezeigt werden, dass diese Aussage zu dem Schluss führt, dass dem Bauprinzip der goldene Schnitt zugrunde liegt.

 

Für die Hamonik ist eine ganz neue Entdeckung von F.W. Korff von besonderer Bedeutung. In seinem 2008 (beim G. Olmsverlag) erschienen Buch "Klang der Pyramiden" zeigt er auf, dass alle bedeutetenden altägyptichen Pyramiden einem Prinzip folgen, wonach die Seitenneigung der Pyramiden durch das Verhältnis "Höhe : halbe Basisbreite" bestimmt ist.

Im Folgenden wird dieses Prinzip nach Korff an den drei großen Pyramiden von Gizeh erklärt und illustriert.



Nach Korff entsprechen alle Höhen : Breiten-Verhältnisse einfachen harmonikalen Saitenlängen- (bzw. Frequenz-) Verhältnisse, also Tonintervallen. Den Gesamtüberblick über diese Ergebnisse erhält man zur Zeit nur über das genannte Buch.

 

Der Höhepunkt harmonikal strukturierter Bauwerke in der Antike sind die griechischen Tempel, die nicht nur in Attica errichtet wurden, sondern überall in den alt-griechischen Kolonienen, insbesondere im "Magna Graecia", also im heutigen Süditalien.

 

Besonders lohnend ist heute die Begegnung mit den drei Tempeln von Paestum am Golf von Salerno (Ostküste von Südialien). Denn dort wurden drei Tempel im Abstand von rd. 50 Jahren im Zeitraum zwischen 550 und 450 v.Chr. erbaut und spiegeln somit das antik-griechische Lebensgefühl zwischen Archaik und Klassik wieder. Schon Hans Kayser hat diesen drei Tempeln eine ausführliche Studie gewidment (in "Paestum. Die Nomoi der drei altgriechischen Tempel zu Paestum". Lambert Schneider, Heidelberg 1958).

 

Auch den Autor dieses WEB-Auftrittes zog es nach Paestum. Mit den dort selbst aufgenommenen Bildern und an Hand der zu den Maßen von Paestum vorhandenen Literatur verfasste er eine ausführliche harmonikale Interpretation dieser drei Tempel, die unter "Vorträge" mit dem Titel "Geist und Schönheit" Teil dieser WEB-Site ist.



Der vollkommenen harmonikalen Durchdringung der antiken griechischen Tempelbauten entspricht eine ebenso vollkommene harmonikale Struktur in den Werken der darstellenden Kunst jener Zeit, wie sich beispielhaft an zwei Plastiken zeigen läßt: dem um 520 v. Chr.entstandenen Kouros aus Anavyssos (der Grabstatue des Kroisos) und den um 450 v.Chr. entstandenen Poseidon, der erst 1929 aus dem Meeresboden des Kap Artemissio geborgen.wurde.

Es erscheint besonders bemerkenswert, dass sowohl am noch streng archaisch geformten Kouros wie am klassisch gestalteten Poseidon die gleichen harmonikalen Beziehungen für die wichtigsten Körperproportionen zu finden sind. 

Natürlich gehören diese Proportionen zu idealisierten Körperformen und zwar aus Zeiten mit deutlich unterschiedlichem Lebensgefühl. Hinter beiden Darstellungen verbirgt sich jedoch andererseits die gleiche Harmonik des natürlichen Körperbaus des Menschen. So handelten schon die antiken griechischen Künstler nach den viel später berühmt gewordenen Worten A. Dürers:

 

                      "Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie"

 

Man möchte dem hinzufügen: und so, wie die Harmonik in der Natur steckt, so ist auch alle wahre Kunst auf Harmonik gegründet.